
USA: Wann gehen wir rüber? 7 positive und 5 negative Überraschungen
Irgendwann muss ich in die USA. Das Gefühl habe ich schon sehr, sehr lange. Jetzt endlich war es soweit - die erste Reise ins gelobte Land des Kapitalismus. Wir sind nach Houston geflogen und von dort mit dem Auto nach Kansas City, Missouri. Was ich hier erzähle, gilt vor allem für den Großraum KC, genauer gesagt die Vororte - Lees Summit, Blue Springs, Grandview. Nicht für New York, nicht für Kalifornien, nicht für „die USA“ als Ganzes.
USA ist nicht gleich USA. Das Land ist riesig, eher wie Europa. Wer aus einem Bundesstaat auf das ganze Land schließt, liegt fast immer daneben. Ich bin grundsätzlich den USA gegenüber sehr positiv eingestellt. Und eigentlich hätte ich gesagt, dass ich wenig Vorurteile habe - ich lag falsch :)
1. Die Wegwerfgesellschaft
Obwohl ich ein grundsätzlich positives Bild habe, kenne ich natürlich die Videos/Reels aus Kalifornien wie arm und reich aufeinanderprallen. Ich hatte Müll erwartet. Dreck, achtlos weggeworfene Sachen, eine Gesellschaft, der es egal ist, wie es vor der Tür aussieht. Zumindest teilweise. Gigantische Kontraste zwischen den verschiedenen Gegenden. Plastik gibt es genug, keine Frage. Geschälte Bananen in Plastik, alles einzeln verpackt, das volle Programm.
Aber große Überraschung: dreckig war es nicht. Auch nicht in den einfacheren Gegenden. Rasen gemäht, Straßen gepflegt, keine Müllberge. Die Leute sind rücksichtsvoll. Die Wegwerfgesellschaft, die ich im Kopf hatte, habe ich so nicht gesehen. Ganz im Gegenteil - ich erinnere mich nicht jemals an einem ordentlicherem, gepflegterem und sauberem Ort gewesen zu sein.
2. Unfassbar teuer
Dieser Punkt hat mich doch am meisten überrascht. Ich dachte stets: um eines Tages in die USA gehen zu können und dort ein vernünftiges Leben führen zu können, muss ich erstmal noch die eine oder andere Million verdienen. Das Gegenteil war der Fall. Lebensmittel im Discounter? Auf dem Niveau von Zypern, teilweise sogar niedriger. Zumindest wenn du aufpasst. Du kannst natürlich auch die Marmelade für $16 kaufen. Nett essen gehen im Longhorn Steakhouse? 35$ für ein Ribeye? Okay 20% obligatorischer Tip kommen dazu - dennoch weit weg von "unfassbar teuer".

Wir haben während unseres Aufenthalts in einem Airbnb in Lees Summit gewohnt. Sehr gepflegte Gegend - typische Vorstadt, wie man es aus Filmen kennt. Das Haus war ein Bungalow, 3 Schlafzimmer, modern aber typisch amerikanisch eingerichtet - dazu ein voll ausgebauter Keller mit weiteren 3 Schlafzimmern. Was das Haus wohl kosten würde? Ja, ist 2025 für $280.000 verkauft worden. Garage, 6 Schlafzimmer - für das Geld bekommt man auf Zypern ein kleines 1BR Apartment, wenn überhaupt.

Wenn ich mir so anschaue was das Leben und die Immobilien kosten und das ins Verhältnis setze zu den sehr üppigen Einkommen in den USA - ich kann schon verstehen wie es in den USA möglich ist, dass es so viele Millionäre gibt. Du kannst wirklich günstig leben, Eigenheim kostet kein Vermögen und die Einkommen sind hoch. Ich habe die AI mal nach einem Vergleich zwischen München und Kansas City gefragt. Einwohnerzahl ist vergleichbar.
In der Kansas-City-MSA kostet das selbstgenutzte Haus im Median etwa 315.000 Dollar. In München Stadt liegen Bestandswohnungen grob bei 8.000 bis 12.000 Euro je Quadratmeter, ein normales Einfamilienhaus im Umland oft bei 1 bis 2 Millionen Euro. Dieselbe Sparquote kauft in Kansas City ein Haus und einen 401(k). In München kauft sie meist Miete und wenig Nettovermögen, außer man war früh Eigentümer oder hat ein Unternehmen.
Genau deshalb ist das Vermögen nicht ähnlich hoch. In Kansas City ist es breiter verteilt: hohe Eigentumsquote, abbezahltes Haus, Altersvorsorgekonto. Das Medianhaushaltsvermögen in Missouri und Kansas liegt im Bereich von grob 130.000 bis 180.000 Dollar. In München ist die Verteilung zweigeteilt. Eigentümer sind auf dem Papier oft reicher als ihr Pendant in Kansas City, weil der Boden so teuer ist. Kurz: ähnliches Einkommen, spürbar mehr Wohnen und Raum fürs Geld in Kansas City, Vermögen nur bei den Münchner Eigentümern vergleichbar oder höher, beim typischen Haushalt klar niedriger.
Schon irgendwie verrückt... Aber ja - sehr positive Überraschung meinerseits.
3. Unsicherheit
Während unseres Aufenthalts gab es nicht einen einzigen Moment an dem ich mich unsicher gefühlt habe. Ich habe auch keine Waffen gesehen - weder auf offener Straße, noch bei Walmart :) Und dabei haben wir den Roadtrip in Houston, Texas gestartet :) Heißt nicht, dass es das Thema nicht gibt - aber mein Vorurteil war definitiv größer als die Realität.
4. Familie und Kinder
Als Familienvater einer der wichtigsten Punkte überhaupt. Werden Kinder als Störfaktor wahrgenommen oder als Bereicherung gesehen? Sowas habe ich noch nicht erlebt :) Wahnsinnig kinderlieb - egal ob im Supermarkt, in Restaurants, bei der Einreise. Ich habe tagsüber natürlich gearbeitet, die Familie war unterwegs. Aufgeräumte, saubere Spielplätze egal wo du dich aufhältst. Die Kinder konnten gefühlt jeden Tag auf einen anderen Spielplatz in unmittelbarer Nähe unserer Unterkunft. Und hier wurde deutlich - die Amerikaner sind bereit Geld auszugeben wenn es um Kinder geht. Unzählige Spielplätze kamen aus Deutschland - von der "Berliner Seilfabrik GmbH" - insane Spielplätze. Aber nicht nur Spielplätze, auch Indoor Aktivitäten soweit das Auge reicht. Wirklich beeindruckend:

5. Christlicher Glaube
Maximal subjektiv, aber für mich eine sehr positive Erkenntnis. Die Amerikaner des mittleren Westens sind tief gläubige Menschen. Als Sohn eines Pfarrers und gläubigem Menschen habe ich mich darüber sehr gefreut. Auch wenn ich mir teilweise nicht ganz sicher bin ob das nicht eigentlich nur ein Scheme ist um Steuern zu sparen - zumindest ging es verdächtig oft um irgendwelche Steuervorteile :D

6. Liebe zu Deutschland
Das hat mich wirklich überrascht. Wenn wir als Familie unterwegs waren, haben wir natürlich mit unseren Kindern deutsch gesprochen. Wie oft wir angesprochen worden sind und die Leute sich gefreut haben deutlich zu hören - verrückt :)
Gefühlt hatte jeder zweite deutsche Vorfahren oder hat einen deutschen Namen, spricht deutsch oder oder. Auch haben wir eine Gruppe Amish getroffen. Komplette Unwissenheit bei mir. Wir wurden von ihnen einfach auf deutsch angesprochen und haben uns eine Weile unterhalten - sie sprechen in der Familie grundsätzlich deutsch. Kinder wachsen mit deutsch als Muttersprache auf. Im Alter von 6/7 Jahren geht es dann in eine Schule (innerhalb der Gemeinschaft) wo die Kinder englisch lernen.

Alles in allem hat es mich schon sehr an Deutschland erinnert. Insbesondere die Natur - die vielen Wälder, viele Seen, die deutsche Sprache. Es fühlt sich an wie ein kapitalistisches Deutschland. Dieselbe Herkunft, eine andere Wirtschaftsordnung. Das hat mich mehr getroffen, als ich vor dem Flug erwartet habe.
7. Freie Wahl der Schulform
Ich wusste bereits zuvor, dass man in den USA sehr viel freier ist in der Wahl der Schulform als in Europa. Als wir jedoch mit anderen Eltern ins Gespräch gekommen sind, ist mir aufgefallen wie weit es doch wieder weg war von meiner Vorstellung. Es ist einfach vollkommen normal seine Kinder beispielsweise zu Hause zu unterrichten. Für uns als Familie in den kommenden Jahren kein Nebenschauplatz - für mich eins der stärksten Argumente für die USA.
Was mich gestört hat
Chlor Chlor Chlor
In einem Restaurant Coca Cola bestellen? Es schmeckt einfach nach Chlor. Egal wo du etwas trinkst, es schmeckt nach Chlor. Ich bin nach kurzer Zeit auf Flaschen umgestiegen. Klingt banal, ist es im Alltag aber nicht.
Inhaltsstoffe in Lebensmitteln
In Europa greife ich in der Regel ins Regal und denke nicht groß drüber nach. Hier musste ich Etiketten lesen. Die Zutatenlisten sind teilweise absurd. Wer aus Europa kommt, muss umschalten.
Qualität im Eigenheim
Ich habe einige Investmentimmobilien in den USA und bin als Turnkey Entwickler unterwegs. Ich kaufe unzählige Häuser, optimiere und verkaufe sie wieder. Ich kenne die Qualität von Immobilien im mittleren Westen. Wenn es ums Investment geht, ist es das eine - da zählt die Rendite :) Im Eigenheim ist das aber schon etwas was man beachten sollte - ja die Häuser sind günstig, aber wenn man aus einem solidem Eigenheim in Europa kommt, ist das schon erstmal eine ordentliche Umstellung.
Getränkeauswahl
Zerogetränke zu finden war wirklich schwer. Okay bei Coca Cola, Pepsi, Monster & Dr Pepper war es kein Problem. Aber ansonsten ist es schon schwierig gewesen. Auf Zypern gibt es jede Fantasorte und jede verrückte Eistee Variante als Option mit 0 Kalorien -war das in den USA eine Mammutaufgabe.
Deeskalationsverhalten?
Ich bin mir teilweise nicht sicher gewesen ob die enorme Höflichkeit nicht manchmal nur eine Art Deeskalationsverhalten war. Ich habe in der gesamten Zeit nicht ein einziges Mal, von niemanden, Aggression vermittelt bekommen. Überaus angenehm, teilweise war ich mir aber nicht sicher, ob man einfach dauerhaft in einem Deeskalationsverhalten ist, einfach weil das Gegenteil hier im worst case bedeutet, dass du erschossen wirst - okay wahrscheinlich auch etwas übertrieben, aber ihr wisst was ich meine.
Fazit: Wann gehts rüber? :)
Nicht heute, nicht morgen und wahrscheinlich auch nicht kommendes Jahr. Aber wenn ich 10 Jahre in die Zukunft schauen müsste, würde ich davon ausgehen, dass wir schon seit geraumer Zeit in den USA leben :)
Die Dinge die mich wirklich gestört haben, waren nicht wirklich schwerwiegend und würde man sicherlich problemlos gelöst bekommen, wenn man dann dauerhaft in den USA ist. Ansonsten hat sich das Gefühl bestätigt, welches ich seit vielen vielen Jahren bereits hatte und diese Reise hat nur bestätigt, was ich eigentlich schon längst wusste: ich gehöre in die U S & A :)
Enjoy Capitalism!
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